“Brennende Häuser kann man nicht gegen Feuer versichern”

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Kürzlich hatte das Freiburger Barockorchester noch “riesiges Glück im Unglück”, wie es sein Justiziar Andreas Bräunig formuliert. Vier Konzerte in Südkorea und Hongkong wurden zwar wegen der Coronavirus-Krise abgesagt, nur die zwei im australischen Melbourne fanden statt. Allerdings war die Tournee laut Bräunig schon vergangenes Jahr komplett gegen Ausfall versichert worden – auch für Fälle höherer Gewalt. Damit war die Absage wegen der Corona-Pandemie abgedeckt. “Die Assekuranzen haben auch schon bezahlt.” Schadenssumme: 190.000 Euro.

Doch kaum war das Ensemble wieder daheim, erwischte es auch die Freiburger. Eine Veranstaltung im kleinen Saal der Berliner Philharmonie musste kurzfristig abgesagt werden, weil der Senat alle Events – auch privatwirtschaftlich ausgerichtete – in staatlichen Theatern, Opern und Konzerthäusern mit mehr als 500 Gästen bis Mitte April verboten hat. “Sobald hierzulande abgesagt wird, schauen wir in die Röhre”, erklärt Bräunig dem SPIEGEL. “Wir schließen üblicherweise im Inland und Europa keine Versicherungen gegen Totalausfall ab, weil das viel zu teuer ist.”

“Nicht einmal Lloyd’s” bietet Epidemiepolicen an
Die momentanen Absagen Hunderter oder gar Tausender kultureller Veranstaltungen überall in der Bundesrepublik fallen unter höhere Gewalt. “Damit sind die Vertragsbeteiligten von ihren Verpflichtungen befreit”, erläutert Bräunig. “Wir ‘müssen’ nicht auftreten, der Veranstalter ist nicht verpflichtet zu zahlen.” Das bestätigt die Konzertdirektion Adler, die seit vielen Jahren mit dem Freiburger Orchester zusammenarbeitet. “Seuchen und Epidemien sind von der Versicherung nicht abgedeckt, weil es höhere Gewalt ist”, sagt Geschäftsführerin Jutta Adler. “Die Künstler können kein Honorar verlangen, die Philharmonie keine Miete. Wir haben fortlaufende Ausgaben für Bürokosten, Gehälter, Werbung, Programmdrucke, aber keine neuen Einnahmen.”

Nach Darstellung des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft ist das nicht die Ausnahme, sondern die Norm. Sein geschäftsführender Präsident Jens Michow sagt: “Im Regelfall sind Konzert- und Tourneeveranstalter nur dagegen versichert, dass ihr Künstler krank wird und ein Event deshalb nicht stattfinden kann.” Darüber hinausgehende Ausfallpolicen seien selten abgeschlossen und bei Indoor-Veranstaltungen “allenfalls in Ausnahmefällen” benötigt worden. Laut Michow sind in allgemeinen Versicherungsverträgen Komplettabsagen aufgrund höherer Gewalt “häufig” ausgeschlossen. Wenn doch, seien sie “teurer” und würden meist für Festivals genutzt. Momentan biete kein Unternehmen Schutz gegen Epidemie an, sagt Michow und fügt hinzu: “Nicht einmal Lloyd‘s, die ja eigentlich kein Risiko scheuen.”

Nach Angaben von Christian Raith, Geschäftsführer der Münchner Maklerfirma Erpam, die Spezialversicherungen “rund um das Entertainment” vermittelt, versuchten noch “bis vor ein paar Tagen zahlreiche Veranstalter”, eine Deckung gegen Corona-Absagen zu erhalten, “was uns meist auch noch gelungen ist”. Inzwischen sei das nicht mehr möglich. Generell sei die Nachfrage ungebrochen und der Abschluss einer Ausfallversicherung weiterhin möglich, nur eben nicht unter Einbeziehung von Corona. “Brennende Häuser kann man nicht gegen Feuer versichern”, sagt Raith. Es gebe zig weitere Gründe, Events oder Messen abzusichern, etwa Unwetter, Streiks oder Terror.

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