Der Corona-Effekt schlägt auf den Welthandel durch

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In normalen Zeiten interessieren sich nur ein paar Manager in der Schifffahrtsbranche für den Baltic Dry Index. Doch dieser Tage blicken Ökonomen weltweit auf das Marktbarometer für die Frachtraten von Stückgütern. Denn der Baltic Dry Index stürzt immer tiefer. Und in der Vergangenheit galt er als das zuverlässigste Frühwarnsystem für den Zustand der Weltwirtschaft. Sowohl dem Börsencrash 1987 als auch dem Platzen der Dotcom-Blase 1999 ging ein Einbruch des Baltic Dry voraus. Kein Zufall: Der Welthandel spielt sich über den Seeweg ab. Und sinkt die Nachfrage nach Zement-, Eisenerz- oder Kohletransporten abrupt, kann das auf eine globale Rezession hindeuten.

Gerade signalisiert der Baltic Dry Index einen heftigen Abschwung. Seit Jahresbeginn fällt der Index nahezu täglich, von 1076 bis zuletzt auf 415 Punkte. Damit liegt er niedriger als während der Weltfinanzkrise von 2008. Die Ursache für den rapiden Verfall der Frachtraten dürfte sehr wahrscheinlich das Coronavirus sein.

Der Erreger lähmt Chinas Wirtschaft bereits seit Wochen. Er hat dafür gesorgt, dass die Regierung die Region Hubei isoliert, Reisebeschränkungen und Ausgangssperren verhängt und die Neujahrsferien zwangsverlängert hat. An diesem Montag sollte die Arbeit eigentlich wieder losgehen. Doch viele Betriebe bleiben geschlossen. So haben die Behörden dem Apple-Zulieferer Foxconn die Wiederaufnahme der Produktion untersagt, wegen Gesundheitsgefahr. Bei Volkswagen stehen die Bänder in den chinesischen Werken noch mindestens bis zum Wochenende still. Auch Toyota hat die Werksferien bis Sonntag verlängert; General Motors will die Produktion in China von Samstag an wieder hochfahren.

Bleiben Chinas wirtschaftliche Probleme auf China beschränkt? Oder weiten sie sich aus auf die ganze Welt? Immer klarer wird: In zwei Branchen richtet das Coronavirus schon jetzt globalen Schaden an: im Transport- und im Rohstoffsektor.

“Es wird eine Menge Platz auf den Schiffen geben”
Die internationale Handelsschifffahrt leidet bereits. China ist ihr Dreh- und Angelpunkt; sieben der zehn größten Containerhäfen der Erde liegen an der Küste der Volksrepublik. Nach Recherchen des Datenanbieters Alphaliner ist der Handelsschiffsverkehr in Chinas Häfen in den vergangenen drei Wochen um 20 Prozent zurückgegangen. “Der Absturz des Baltic Dry Index deutet an: Es wird eine Menge Platz auf den Schiffen geben”, sagt ein Brancheninsider. Das gelte nicht nur für Stückgut-Transporte, sondern auch für den Containerverkehr.

Die Reedereien sind alarmiert. Diesen Montag hat Branchenführer Maersk neue sogenannte Blank Sailings angekündigt, also vorab festgelegte Fahrten aus und nach China abgesagt. Unter anderem traf es Verbindungen nach Rotterdam, Antwerpen, Felixstowe und Los Angeles. Als offizielle Begründung gibt Maersk die “verlängerte Ferienzeit” in China an. Schon in den vergangenen Tagen hatten Maersk und andere Großreeder wie die schweizerisch-italienische MSC und die französische CMA CGM mehrere China-Verbindungen gestrichen. Und auch die deutsche Reederei Hapag Lloyd hat ein Schiff von Qingdao nach Barcelona abgesagt, wie ein Sprecher dem SPIEGEL auf Anfrage bestätigte.

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