Einmal Kontiolahti und zurück

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Ein letztes Schnaufen noch in den Nadelwäldern, dann über die Loipe Richtung Ziel. Martin Fourcade winkt, verneigt sich und fällt den Teamkollegen in die Arme. Abklatschen, Schulterklopfen, lachen, umarmen, wenn ihm schon keine Zuschauer zujubeln dürfen. Die Ränge sind wegen der Ausbreitung der Corona-Pandemie leer geblieben zum Saisonfinale, und so fällt auch der Abschied recht leise aus. Am Abend davor hatte Martin Fourcade sein Biathlon-Karriereende bekanntgegeben.

Der Abschiedsbrief war lang gewesen. Auf den Tag zehn Jahre nach seinem ersten Weltcupsieg, am 14. März 2010 in Kontiolahti, ist nun Schluss für den 31-Jährigen, wieder mit einem Sieg, wieder im finnischen Kontiolahti und in der Verfolgung. Nicht einmal drei Schießfehler hielten ihn von diesem letzten Erfolg ab. Zugegeben: Den Gesamtweltcup verpasste Fourcade um zwei Punkte. Aber was heißt das schon für einen Ausnahmesportler. Tränen flossen nicht deswegen, nur der Champagner spritzte.

Fourcade hat in seiner Karriere alles gewonnen. Mit 80 Weltcupsiegen, 13 WM-Titeln und fünf Goldmedaillen bei Olympischen Spielen zählt er zu den größten Biathleten – nur Ole Einar Björndalen war noch etwas erfolgreicher. Sieben Mal in Folge gewann er den Gesamtweltcup, bis ihn im vergangenen Winter und auch in diesem Johannes Bö an der Spitze ablöste.

Keine so schlechte Laufbahn für jemanden, der selbst erst vor kurzem sagte, dass Geschichtsbücher ihn nie motiviert hätten – der tatsächlich schon als Teenager aufhören wollte, weil es an Motivation fehlte. Kaum zu glauben, wenn man an die vergangenen Jahre denkt, in denen der ehrgeizige, bisweilen verbissene Martin von Sieg zu Sieg eilte. Der auch in diesem Jahr noch Erfolge feierte. Sogar noch Weltmeister wurde.

Sportlich gesehen hätte Fourcade auch noch weitermachen können. Vielleicht sogar bis zu den Winterspielen in zwei Jahren. Doch Erfolg allein schien ihm zuletzt nicht mehr Antrieb genug: Fourcade, das sagt er selbst, hat nun andere Ziele.

“Ich habe nie mit Biathlon angefangen, um in die Geschichtsbücher zu kommen. Ich habe das gemacht, um im Wald zu sein, in der Natur, umgeben von Familie und Freunden”, sagte Fourcade, Sohn eines Bergführers aus den Pyrenäen, noch im Februar. Trotzdem müsse man natürlich stolz sein, wenn die Statistiken das so hergäben. Vor allem freute er sich nach einem schwierigen Jahr. Er war nach einer Krise noch mal zurückgekommen, hatte “Zweifel und Albträume” überwunden. Sich das selbst bewiesen zu haben, war wohl das Beste zum Schluss, auf das er hoffen konnte.

Handeln verstand er als Haltung
Ein solcher Abschied im Guten gelingt sonst nicht vielen im Spitzensport. Viele verpassen diesen Moment. Halten zu lange fest, bis es nicht mehr geht, sie nicht mehr gebraucht werden. Bei Fourcade ist das jetzt anders. Auch wenn es sich angedeutet hatte.

Bei seinen Sätzen im Februar hatte man das schon vermuten können. Er blickte zurück auf die Jahre, resümierte, dankte Wegbegleitern, sprach vom Stolz, ein Teil davon gewesen zu sein. Ganz so, als ob es alles kleine Reden waren für sein großes Lebenswerk, das nun vollendet ist.

Fourcade war leiser geworden. Auch milder. Oder müde? So ganz ließ sich das nicht sagen. Selbst mit Alexander Loginow, dem Russen, wollte er sich nicht mehr über Doping streiten. Dabei hatte er das all die Jahre laut getan und öffentlichkeitswirksam auf allen Bühnen. Unvergessen sind sein höhnischer Applaus und der Abtritt bei der Staffel-Siegerehrung Russlands in Hochfilzen 2017. Fourcade verstand sein Handeln als Haltung, wo Funktionäre eingeknickt waren.

Dank für Gegner und Weggefährten
Nicht immer standen seine Aktionen für den Sportsgeist, den er selbst so energisch predigte. Mal fuhr er rückwärts ins Ziel, oder er schnallte sich die Skier ab und ging die letzten Meter zu Fuß. Respektlos nannten das manche Konkurrenten und Kritiker. Am Freitag bedankte er sich auch bei ihnen noch einmal. “Von Vancouver bis Oslo, bei Ole Einar Björndalen, Emil Svendsen, Anton Schipulin, Simon Schempp, Johannes Bö und all meinen anderen Gegnern.”

Biathlon habe ihn zu dem Mann gemacht, der er heute ist. Dieser Mann will sich nun anderen Aufgaben widmen. Glaubt man seinen letzten Worten, auch und besonders seiner Familie. Seine Frau und die beiden Töchter hätten viele Opfer gebracht, schrieb er. Für sie will er nun “weiter wachsen”, mehr Vater sein, als er es in den Jahren mit all seinen Reisen um die Welt sein konnte.

Fourcade wirbt für Olympia
Sportlich ist er nicht mehr unersetzlich. Auch im eigenen Team gibt es genug Gute. Den jungen Emilien Jacquelin hat er selbst mit aufgebaut. Mit Quentin Fillon Maillet komplettierte er am Samstag das rein französische Podium.

Es wird nicht an Erfolgen oder Leistung fehlen. Vielleicht aber an Charakter. So vehement wie Fourcade gestritten hat, hat es noch keiner vor ihm getan.

Da ist es gut, dass Fourcade den Sport nicht ganz verlassen will. Die Liebe sei immer noch da, sagte er. Er will sich weiter engagieren. Nun noch mehr sportpolitisch. Neben dem Antidopingkampf war Fourcade zuletzt auch als Werber für die Werte der Olympischen Bewegung eingetreten. Die Sommerspiele 2024 finden in Paris statt. Fourcade ist Botschafter der Spiele in seinem Heimatland. Zunächst aber verabschiedet sich Fourcade von der großen Bühne, leise, im Schnee von Kontiolahti.

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