Schnorchel-Fernsehen – weil wir es brauchen

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Manchmal kann Fernsehen immer noch eine kühlende Kompresse auf der heißgesorgten Stirn sein, das ist tröstlich. Dass man es bei allen aktuellen Unwägbarkeiten und Schlimmszenarien noch schafft, sich drei Stunden lang über rappende Kakerlaken zu freuen und über Roboter, die Arien schmettern. Und es komplett fühlt, wenn Moderator Matthias Opdenhövel einen konfirmandengroßen Fellblobb mit Busenwackelaugen nach seinem Gesangsauftritt euphorisch lobt: “Du hast es geschafft, Wuschel!”

Désirée Nick oder Lena Meyer-Landrut?
“The Masked Singer” ist zurück, der klingende Verkleidungsmummenschanz mit Prominenten, und er kommt zur rechten Zeit. Natürlich hilft Augenschließen nicht, natürlich ist Aufklärung wichtig. Aber manchmal eben genauso dringend: Mithilfe von Schnorchel-Fernsehen kurz abtauchen, in eine verbubbelte Welt, in der man sich so ernsthafte Gedanken darüber macht, ob im Kostüm einer Dalmatiner-Diva nun Désirée Nick oder Lena Meyer-Landrut stecken (beides wirkt gleichzeitig gruslig plausibel), dass für die echten, ernsthaften Gedanken zumindest ein beruhigendes Weilchen kein Platz mehr ist.

Eskapismus, klar, aber immer noch sehr gut gemachter, auch in der zweiten Auflage: Die neuen Figuren sind plausible Sympathen wie ein schwerst druffes, narkoleptisches Faultier im Hawaiihemd und ein verhuschter Hase mit träumerlemäßigem Laura-Ashley-Vibe, die nie reine Kostümstaffage sind, sondern auch schnell zu wirklichen Charakteren werden – herrlich, wie genervt das Häschen sich mit der Pfote ins Nagergesicht patschte, als das neue Jurymitglied Rea Garvey in der Raterunde, die Hoppleridentität betreffend, kurz bei seiner Kollegin Ruth Moschner und Gasträtslerin Carolin Kebekus nachfragte, wie denn nochmal gleich “die Frau vom Wendler” heiße.

Steckt hinter der Roboterin Judith Williams?
Auch die Liedauswahl blieb glücklicherweise wild verhoppelpoppelt: Die schon erwähnte Roboterin (womöglich die gesangsausgebildete Höhle-der-Löwen-Investorin Judith Williams?) strudelte sich in italienische Opernkringel, eine pinke Fledermaus schnarrte Billie Eilishs “Bad Guy”, ein Drache, der das Niedlichkeitslevel etwas dämpfte, sang “Frozen” von Madonna, andere machen aus dieser Konstellation gleich ein ganzes Musical (bitte nicht).

In den frühen Stadien, wenn die Einspieler-Tipps noch rar und das gesangliche Profil nur angedeutet sind, kann man noch wild durch den ganzen Promizoo raten, als Kakerlakenkostümträger gleichzeitig Hape Kerkeling und Tim Wiese für plausibel halten, allerdings nicht ganz so plausibel wie den Kebekus-Tipp, der im Chamäleongewand Dieter Hallervorden vermutet – und überrascht sein, dass in der Dalmatinerfigur, der ersten Demaskierten, am Ende Sängerin Stefanie Heinzmann steckt. Und sich davon drei Stunden in aller Harmlosigkeit gut unterhalten lassen.

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