“Sie gab ihr Leben für das Tennis – und Tennis gab ihr ein Leben”

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Sie war 17, stand auf dem feinsten Rasen, den die Welt jemals gesehen hatte und hielt einen überdimensionierten Teller in die Höhe. Ich war 17 und saß in meinem Kinderzimmer unterm Dach, dort, wo die Hitze am größten und die schrägen Wände ein Spießrutenlauf waren. Mein Vater saß neben mir und ich hörte ihn leise aufschluchzen, als Marija Scharapowa die Tribünen hinauf in ihre Box kletterte, um ihrem Vater in die Arme zu fallen, der die Hände zu Fäusten geballt in den Himmel schüttelte, weinend und schreiend zugleich.

Ich saß reglos an meinem Schreibtisch und starrte den Fernseher an. Ich war gerührt, getroffen, fassungslos. Wenn Gleichaltrige etwas Immenses erreichen, kommt unweigerlich der Vergleich zum eigenen Leben auf. Ich dachte, ich sei auf einem guten Weg gewesen, und das war ich auch, aber Marija Scharapowa war schon immer ihre eigenen Wege gegangen.

Wimbledon war der Beginn einer außergewöhnlichen Karriere
Mit gerade einmal 17 Jahren gewann das dünne, hochgewachsene, blonde Mädchen mit den lauten Schreien und dem kraftvollen Aufschlag Wimbledon. Sie trug ein auf sie zugeschnittenes, asymmetrisches, weißes Kleid und interagierte mit den royalen Trophäenübergebern bei der Siegerehrung wie ein alter Hase im Business. Sie war schlagfertig, charmant und hatte ein lustiges, glucksendes Lachen. Es war der Beginn einer außergewöhnlichen Karriere auf dem Platz und der Aufstieg der ersten fein orchestrierten Sportlerinnenmarke überhaupt. War Anna Kurnikowa als gutaussehende Sportlerin noch irgendwie in ihr Dasein als globale Marke hineingestolpert, so wurde Marija Scharapowa Schritt für Schritt dazu aufgebaut.

Sie schaffte es scheinbar mühelos, ein Leben als Tennisspielerin, die stundenlang auf dem Platz und im Kraftraum ackerte und von Turnier zu Turnier reiste, mit dem Leben eines Superstars zu vereinen. Auf dem Platz war sie kämpferisch und verbissen, in Interviews locker und in Plauderstimmung.

Mit vier Jahren fing sie im fernen Sotschi an Tennis zu spielen, mit sechs Jahren saß sie im Flieger nach Amerika – ihr Vater Juri an ihrer Seite und im Handgepäck Tennisschläger und der Traum, eine Große zu werden. Von da an wurde alles ihrem Sport untergeordnet. Sie sah ihre Mutter jahrelang nicht, weil die kein Visum für die USA bekommen hatte. Und es rankten sich hanebüchene Gerüchte um Trainingsmethoden Juris, der Marija angeblich barfuß im Hochsommer auf dem 50 Grad heißen Hartplatz in Bradenton, Florida, trainieren ließ, um ihre Beinarbeit zu verbessern.

Jeder Sieg kam inklusive Drama
Mit 17 gewann sie Wimbledon, mit 19 die US Open, mit 21 die Australian Open. Und jeder Sieg kam inklusive Dramaturgie. Es war ein Sieg der unbekümmerten Jugend, einer, der Hindernisse und Erwartungen überwand und einer des absoluten Loslassens, das einmalige Gefühl eines jeden Sportlers “in der Zone”, wenn alle Würfel, egal, was du tust, immer zu deinen Gunsten fallen und sich all die Stunden in einsamen Krafträumen, wenn es draußen noch dunkel ist, und all die Minuten auf den Plätzen dieser Welt, wenn die Sonne wieder untergeht, in einem ewigen Wirbel zum Stehen kommen und sich alle Fähigkeiten zusammenfügen.

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