Thüringer Ungewissheiten

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Das Dorf Sundhausen im Unstrut-Hainich-Kreis hat gut 350 Einwohner, eine kleine, weiß getünchte Kirche, die nach dem Heiligen Bonifatius benannt ist – und einen ehrenamtlichen Bürgermeister, der Ministerpräsident von Thüringen werden will. Am Montag nominierte die AfD-Fraktion Christoph Kindervater zum Kandidaten. Am Mittwoch soll er gegen den geschäftsführenden Amtsinhaber Bodo Ramelow (Linke) antreten. Die AfD hofft, mit dem parteilosen Bewerber Stimmen von CDU und FDP abzuziehen.

“Ich sehe, dass viele Probleme nicht angegangen werden”, sagt der Kandidat, der sich erst am Wochenende per E-Mail beworben hatte. “Diese politischen Spielchen müssen aufhören. Thüringen hat nicht links gewählt, Thüringen hat liberal-bürgerlich-konservativ gewählt.”

Kindervater, 42, im Hauptberuf Vertreter, bezeichnet sich als konservativ. Gegen die AfD hat er nichts; die Partei, sagt er, dürfe “nicht stigmatisiert” werden. “Ist in mir deshalb der kleine Nazi?”, fragt er. “Glauben Sie mir, Sie werden keinen finden.”

Die Nominierung des Dorfbürgermeisters zeigt, wie ungeordnet und unübersichtlich die politischen Verhältnisse in Thüringen derzeit sind. Alles erscheint möglich in dem Land, das nach 1990 nahezu ein Vierteljahrhundert stabil von der CDU regiert wurde – aber in dem es plötzlich keine parlamentarischen Mehrheiten mehr gibt. Zur Erinnerung:

Seit der Landtagswahl am 27. Oktober sitzen erstmals sechs Parteien im Thüringer Parlament. Die Linke wurde mit 31,0 Prozent stärkste Partei. Die AfD verdoppelte ihr Ergebnis auf 23,4 Prozent und zog an der CDU vorbei, die auf 21,7 Prozent abstürzte. Den Rest teilten SPD mit 8,2 Prozent, Grüne (5,2 Prozent) und FDP (5,0 Prozent) unter sich auf.

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