Verwundbares Notsystem

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Unweit der Mittellinie sank Thiago Alcántara auf die Knie, blickte freudig zum Himmel, ballte die Fäuste. Immer und immer wieder, dann jubelte er dem Publikum zu, beseelt und erlöst wirkte der Mittelfeldstratege des FC Bayern. Hätte man nur diese Szene gesehen, man hätte fast meinen können, Thiago würde die Deutsche Meisterschaft, die Champions League und obendrein noch den WM-Titel feiern. Dabei hatte Robert Lewandowski gerade gegen SC Paderborn getroffen. Zum 3:2-Endstand – in der 88. Minute.

Die Erleichterung Thiagos und der übrigen Mitspieler, die den Torschützen herzten, war verständlich. Denn so mühsam und schmucklos dieser Arbeitssieg gegen den SC Paderborn war, so entscheidend könnte er vielleicht im Titelkampf sein. Was am Ende bei den Bayern als Erkenntnis blieb: Die große Freude, selbst in dieser Formation ein Spiel gewonnen zu haben. Und wohl die große Hoffnung, in so einem Notsystem hoffentlich nie mehr auflaufen zu müssen. Die Partie offenbarte deutlich, wie anfällig die Bayern sind, wie schwer es ihnen gerade in der Defensive fällt, bei einem Ausfall der Stammformation adäquate Alternativlösungen aufzubieten.

Nicht nur wegen der Gelbsperren von Jérome Boateng und Benjamin Pavard hatte Trainer Hansi Flick eine Dreierkette in die Verteidigung gestellt, sondern auch wegen der Lehren aus dem Spiel vor einer Woche beim 4:1 in Köln. Dort spielten mit David Alaba und Lucas Hernández in der zweiten Hälfte zwei Linksfüße als Innenverteidiger, was prompt zu großen Problemen führte. “Das hatte ja nicht so super geklappt”, sagte Manuel Neuer am späten Freitagabend im Rückblick, “deswegen mussten wir modifizieren.” Also spielte Hernández gegen Paderborn auf links, Alaba in der Zentrale und Joshua Kimmich mal wieder rechts hinten. Alle drei erfahrene Defensivexperten, die zusammen an diesem Abend auch auf beachtliche 294 Ballaktionen kamen – im Abwehrverbund als Trio allerdings mit Abstimmungsproblemen unterwegs waren.

“Klar hat da nicht alles wunderbar geklappt”
Auch der Aufbau nach vorn, die Kooperation und Koordination mit den beiden Flügelspielern, den gelernten Außenverteidigern Alphonso Davies und Alvaro Odriozola, erwies sich als holprig, Flick gab später zu: “Klar hat da nicht alles wunderbar geklappt.” Gegen Paderborn, den Letzten der Liga, mochte das gerade noch gut gehen: Zweimal in Führung gehen, zweimal den Ausgleich kassieren, dann der Siegtreffer kurz vor Ende. Gegen die wirklich starken Gegner in den kommenden Wochen wird so ein System mit solch einer Formation keine Option sein. Es wird dann eben doch dünn in der Abwehr, ohne Boateng, ohne Pavard, ohne Niklas Süle. Viel darf da hinten nicht mehr passieren in den so wichtigen drei Monaten bis zum Saisonende im Mai.

Manuel Neuer, der sich von der Nervosität anstecken ließ und sich vor dem Ausgleich zum 1:1 beim Herauslaufen entscheidend verschätzte, wurde gefragt, ob eine Dreierkette auch am Dienstag beim Champions League-Hinspiel gegen Chelsea denkbar sei. Der Bayern-Kapitän sagte nichts, schmunzelte vielsagend, verabschiedete sich und wünschte den Reportern noch einen schönen Abend.

Nun soll Boateng an der Stamford Bridge neben Alaba als Stabilisator in einer Vierer-Abwehr wieder für Sicherheit sorgen, ausgerechnet Boateng, der schon ausgemustert schien und immer wieder kurz vor dem Absprung – plötzlich scheint er so wichtig wie selten.

Die Neuen funktionieren noch nicht
Drei andere Spieler waren an diesem Abend eher ernüchtert. Der Debütant Álvaro Odriozola, dem wenig glückte und der ebenso bald wieder auf der Bank sitzen dürfte wie Hernández, für den wieder Alphonso Davies als etatmäßiger Linksverteidiger auflaufen wird.

Und dann war da noch Philippe Coutinho, der für den verletzten Leon Goretzka in die Startelf rückte. Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, sich zu zeigen, sich zu beweisen. Doch wie schon so oft in dieser Saison fand die Leihgabe vom FC Barcelona nicht ins Spiel, häufig wirkt er noch wie ein Fremdkörper. Viel zu lange wartet man in München schon, dass er auch mal über längere Phasen als Spielgestalter brilliert – genau dafür hatten ihn die Bayern vergangenen Sommer geholt. Ohne Körpersprache, ohne Präsenz und Präzision, so dürfte er in München keine große Zukunft haben.

Der Sieg gegen Paderborn, eine Stunde nach Abpfiff war er abgehakt, die Bayern begannen, sich auf das Spiel bei Chelsea (21 Uhr, Liveticker: SPIEGEL.de, TV: Sky) zu freuen. Endlich wieder Champions League. Endlich wieder große Gegner. Endlich wieder Viererkette.

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