“Wir sehen Vorboten einer Wiedergeburt der ostdeutschen Industrie”

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Die Professorin Dalia Marin stammt aus Österreich, ihre Karriere als Wirtschaftswissenschaftlerin aber ist eng verbunden mit der wirtschaftlichen Transformation Ostdeutschlands und Osteuropas: Als junge Wissenschaftlerin verschlug es Marin Anfang der Neunzigerjahre an die Humboldt-Universität in Berlin, die sich mitten im Umbruch befand. Später wurde sie von der Weltbank nach Moskau eingeladen und beriet in der Russland-Krise die russische Regierung.

Bis heute beschäftigt sie, wie stark der Übergang von der Planwirtschaft zum Markt die Gesellschaft erschüttert hat, wie tief manche Spuren waren, die die Wende in manchen Leben hinterlassen hat: In Berlin erlebte sie, wie viele Unidozenten ausgetauscht wurden. “Das waren Leute, die waren Anfang 40 und kurz vor der Habilitation und wurden mit einem Schlag rausgeworfen”, sagt Marin.

Heute lehrt Marin an der Ludwig-Maximilians-Universität in München Internationale Wirtschaftsbeziehungen und wirbt für eine gezielte Reindustrialisierung Ostdeutschlands.

Man hat 1990 im Westen politisch entschieden, wie die Währungsunion ablaufen würde: Umgestellt wurde von Ostmark auf D-Mark, teils zum Kurs eins zu eins. Das hat aber auch bedeutet, dass die Löhne im Osten rasant anstiegen, zunächst auf 55 und dann bald auf 70 Prozent des Westniveaus im Jahr 1994. Bei den Löhnen konnte der Industriesektor im Osten nicht überleben. Die Einsicht, dass der Standort durch die politische Entscheidung für die Währungsumstellung vollkommen unattraktiv wird, hätte dazu führen müssen, dass unterstützende Maßnahmen aufgelegt werden. Das ist aber nicht passiert, zumindest nicht gezielt.

Verhältnismäßig arme Länder entwickeln sich aber, indem sie ihren Vorteil der niedrigeren Löhne nutzen. Die Staaten Ost- und Mitteleuropas haben das nach 1990 so gemacht. Polen und Tschechien waren attraktiv, weil die Löhne dort gering waren. China ist auch ein Beispiel. Das ist der Weg, auf dem Länder dann weitere komparative Vorteile entwickeln. Sie sind dann irgendwann nicht mehr auf die niedrigen Löhne angewiesen. Ostdeutschland war diese Möglichkeit immer verschlossen. In gewissem Sinne hat der Westen den Osten nach der Wiedervereinigung sich selbst überlassen, ohne flankierende Maßnahmen, die der Region Möglichkeiten einer industriellen Entwicklung eröffnet hätten.

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